Musik und Demenz
Singen, Pfeifen oder Summen… Die Wege sind vielfältig, wenn es darum geht, Menschen mit Demenz aus ihrer Gedankenwelt abzuholen. Denn spätestens, wenn gesprochene Worte nicht mehr funktionieren, kann Musik zu einem wertvollen Kommunikationsmittel werden. Melodien aus der Kindheit sind meist im Langzeitgedächtnis gespeichert und können auch bei Personen mit fortgeschrittener Demenz noch Erinnerungen wachrufen.
Musik kann bei Menschen mit demenziellen Beeinträchtigungen nicht nur positive Emotionen und ein starkes Zugehörigkeitsgefühl wecken, sondern auch die gesunden Netzwerke im Gehirn aktivieren und folglich den Verlauf der Krankheit positiv beeinflussen. Der Einsatz von Musik in der Pflege führt immer wieder zu Überraschungen. Patient*innen, die sich kaum an die Ereignisse des Vortages erinnern, sind teilweise in der Lage, mehrstrophige Lieder aus ihrer Kindheit zu singen.
Dr. Albert Lingg, ehem. Leiter der psychiatrischen Abteilung des LKH Rankweil, beschreibt dieses Phänomen damit, dass musikalische Fähigkeiten in jenen Gehirnarealen abgespeichert werden, die bei Demenz am längsten gesund bleiben. Forschungsergebnisse haben sogar bewiesen, dass Menschen, die nicht mehr sprechen können, mit Grimassen auf falsche Töne reagieren. Trotzdem ist es für Pflegende wichtig, sich beim Musizieren nicht vom Anspruch auf Richtigkeit abhalten zu lassen.
Ähnlich wie bei Kindern geht es nicht darum, dass schön gesungen wird, sondern vielmehr darum, dass überhaupt musiziert wird. „Egal ob Pfeifen oder Johlen, wichtig ist es, sich zu trauen“, lautet der motivierende Impuls einer erfahrenden Pflegefachkraft. „Wir stellen fest, dass wir weniger Schlafmittel benötigen, wenn wir tagsüber gesungen haben.“ Beim gemeinsamen Singen kann ein starkes Zugehörigkeitsgefühl zur Gruppe ausgelöst werden, welches sich wertvoll auf die Grundstimmung der Patient*innen auswirkt. Auch Musik aus dem Radio oder Plattenspieler weckt Gefühle - sie kann aktivieren, beruhigen, freudige oder auch traurige Stimmungen ausdrücken.
Daher ist ein sorgsamer Umgang in der Auswahl der Musik wichtig, denn durch das „falsche“ Lied können auch negative Emotionen oder traumatische Erinnerungen wachgerufen werden. Ebenso raten Expert*innen von eine Dauerberieselung ab, sie empfehlen vielmehr einen bewussten und kontrollierten Einsatz von Musik. Dabei sollte die Reaktion der Patient*innen stets Teil der Beobachtung sein. Einer dauernden Wiederholung bei positiver Resonanz steht nichts im Wege. Personen aus der Pflege berichten oft von guten Erfahrungen mit Kinder-, Kirchen- oder Weihnachtsliedern, da sie meistens mit schönen Erinnerungen und dem Gefühl der Geborgenheit verknüpft sind. Musik ist keine Heilung, aber ein wertvolles Werkzeug, das auch wunderbar in den Alltag der häuslichen Pflege integriert werden kann.